Ich stieg Nachts um 3.00Uhr aus dem Zug in Finse aus. Das Licht und die Leere am Bahnhof waren wie in einem Harry Potter Film. Ich machte mich auf den Weg zu meiner geplanten Route. Hinter dem Bahnhof führte er mich zu einem schmalen Schotterweg der nach 10 Metern endete, weil Ihn die Dunkelheit verschluckte. Vergleichbar mit dem Gefühl in ein schwarzes Loch zu laufen, dachte ich kurz darüber nach ob ich mir das wirklich zutraue. Ich habe gleich versucht meine Gedanken auf das große Ziel zu richten um mich von meinen Ängsten abzulenken.

 

In der Regel fahren wir gemeinsam mit der Familie oder mit Freunden in den Urlaub. So war dieser Trip eine kleine Herausforderung für mich. Bei meiner Ressourcenplanung stellte ich fest, dass ich in keinster Weise für mein Vorhaben gerüstet war. Schlafsack, Zelt, Isomatte, Kocher – nichts von dem hatte ich zuhause… Die Temperaturen liegen nachts zu dieser Zeit zwischen -5 und +5 Grad. Und mein Schlafsack hatte einen Comfortbereich von +10 Grad. Also hieß es eine Ressourcenliste aufzustellen und die Preise für die fehlenden Gegenstände herauszusuchen, um Sie dann in der Kostenplanung einzutragen.

Was kann schon passieren…

Die Gegend rund um die Hardanger hatte ich vorab mit Google Earth analysiert. Alles was ich dort erkannte, habe ich sorgfältig in eine Art Umfeldanalyse eingetragen. Die Analyse ging zwar nicht auf Personen ein, aber Bahnhöfe, Hütten, Straßen, Brücken, Gewässer, Gletscher usw. – eben alles, was Einfluss auf meinen Trip in der „Wildnis“ nehmen konnte, wurde erfasst.

Als Risiko hatte ich vor allem das Wetter, die Nahrung und Unfälle gesehen. Beim Stöbern in den Foren wurde immer wieder betont, dass Wasser in der Gegend kein Problem darstellt. Das kann ich vorwegnehmen, Wasser ist tatsächlich überall! Das Essen hatte ich so kalkuliert, dass ich jeden Tag ca. 2500kcal zu mir nehmen konnte. Meine Hauptenergielieferanten waren Couscous, Haferflocken und Eiweißpulver, ergänzt um ein paar Riegel. Mit einem ordentlichen Risikopuffer kam ich insgesamt auf 4kg Nahrung.

Gute Planung ist gut – aber eben nicht alles

Und so habe ich mich dann auf den Weg gemacht. Alles perfekt geplant. Das Ziel war klar, Budget und Kosten geplant, mein Umfeld analysiert, die Ressourcen alle vorhanden, für die erkannten Risiken waren Maßnahmen getroffen und der Plan inkl. einzelner Phasen lag in der Tasche griffbereit.
Das Erste, mit dem ich nicht rechnete war meine körperliche Fitness. Das hohe Gewicht (32kg) des Rucksacks hat mir schon nach den ersten Kilometern zugesetzt. Ich ging in Gedanken die Packliste durch, was ich wohl zurücklassen
könnte. Vieles davon hätte ich gerne zu Hause gelassen: Mein Stativ, Ersatzbatterien für die Ersatzbatterien, eine der drei Trinkflaschen oder auch einen Teil der Nahrung. Da ich nichts wegwerfen wollte, habe ich ca. 1,5kg des Essens wieder mit nach Hause genommen. Diese Erfahrung war für mich ein klares Zeichen, dass auch zu viele Ressourcen belastend sein können und lehrte mich, genauer darauf zu achten die richtigen Ressourcen in der richtigen Menge einzuplanen.

Manchmal muss es wehtun – damit wir daraus lernen können

Der kalte Wind, der Dauerregen und der Marsch über Felsen, Gletscherausläufer und durch Bäche haben mir am ersten Tag sehr zugesetzt. Ich hatte mich doch im Internet so gut informiert und beinahe jeden Zentimeter der Strecke in Google Earth verfolgt. Dem Umfeld ausgesetzt war mir klar, dass ich die geplanten Kilometer nicht zurücklegen kann. Ich wusste dass ich mein Ziel überprüfen und ggf. anpassen musste. Ich nahm mir vor, den nächsten Tag zu nutzen, um weitere Erfahrungen zu sammeln und dann eine Re-Planung durchzuführen.

Im Laufe des nächsten Tages hatte ich ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Zeit ich für eine bestimmte Strecke in der Gegend benötige. Ich korrigierte mein Zeitmanagement und passte die Route entsprechend an . In meiner Planung waren Muss, Soll und Kann Ziele abgebildet. Das hat es mir leichter gemacht, mich von einigen Meilensteinen zu trennen und meine Zeitplanung anzupassen.

Emotionaler Ansporn darf nicht fehlen – ganz besonders bei anstrengenden Projekten

Auf meinem Trip bin ich in diesen 6 Tagen 8 Menschen begegnet. Zwei kleinere Gruppen und einem Menschen der alleine durch die Wildnis trampen wollte. Für mich war es wahnsinnig spannend zu sehen, wie eine kurze Unterhaltung, der Austausch mit Menschen die ein gleiches oder ähnliches Ziel verfolgen, so große Kräfte bei mir freisetzen konnte. Bei jeder kurzen Begegnung hatte ich das Gefühl, einen Energieschub zu bekommen. Gerade bei den intensiven Phasen durch knietiefen Matsch und über steile, rutschige Felsen hat mir der Gedanke an diese Begegnungen Durchhaltevermögen gegeben.

In dieser intensiven Umgebung hatte ich den Eindruck, dass mein Rucksack plötzlich doppelt so viel wog. Und das obwohl ich schon Gewicht von meinen Ressourcen weggefuttert hatte. Mir blieb nichts anderes übrig, als langsamer zu laufen. Regelmäßiges kurzes Innehalten, bei dem ich überlegte „was habe ich erreicht“ und „was sind die nächsten Schritte“ hat mir geholfen, bewusster durch mein Projekt zu gehen.

Zwischendrin hatte ich die Überlegung, abzukürzen und mir ein Hotelzimmer zu nehmen. Doch all das Schwitzen, das Fluchen, die Schmerzen die ich auf dem Weg mitgenommen hatte, wurden durch den Anblick der Natur plötzlich nichtig. Jeder meiner geplanten Meilensteine war für mich auch ein kleines Highlight. Riesige tobende Wasserfälle, tiefblaue Seen in einer moosgrünen Landschaft und steile Berghänge mit Blick auf die Fjorde. Die physische und psychische Belastung die mein Projekt mit sich brachte, hat sich dadurch gelohnt.

Durch aktives Gestalten werden Fehler zu Weiterentwicklung

Im Rückblick war das Einfachste das Budgetcontrolling. Da auf meinem Weg in der Hardangervidda niemand war der mein Geld entgegennehmen konnte, hatte ich auch keines gebraucht. Ich habe die Zeit in Norwegen sehr genossen. Durch diesen Trip gehe ich heute noch bewusster mit Projektmanagement um. Aus meiner Sicht ist Projektmanagement mehr als ein Werkzeug, es ist ein Teil des Lebens. Und so gut man auch plant, es werden Herausforderungen kommen mit denen man nicht rechnet. Die Fehler, die ich gemacht habe, gaben mir nützliches Feedback zur Weiterentwicklung. Nach jedem Fehler besteht die Möglichkeit zu entscheiden, wie es weitergeht.

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